Banken: Von Geächteten zur „geschützten Art“
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Banken: Von Geächteten zur „geschützten Art“

Die beispiellosen fiskalpolitischen Reaktionen auf die Covid-19-Pandemie haben in Verbindung mit den konzertierten Maßnahmen der globalen Zentralbanken sichergestellt, dass der Bankensektor die Gesamtwirtschaft auch weiterhin mit dringend benötigten Krediten versorgt hat. Nun sinken die Risikokosten zwar, die Aussichten für die Banken sind jedoch weltweit durchwachsen.
Die globale Finanzkrise (GFK) könnte fast eine Art „Trockenübung“ für die Covid-19-Pandemie gewesen sein. Ihre Auslöser mögen komplett unterschiedlich sein, die Krisen selbst weisen aber auffällige Ähnlichkeiten auf: Bei der einen handelte es sich um eine Finanzkrise, die die Realwirtschaft beeinträchtigte, bei der anderen um eine Krise in der Realwirtschaft, die die Finanzmärkte belastete.
Tatsächlich wurden einige fiskalpolitische Maßnahmen, die sich schon während der Finanzkrise als erfolgreich erwiesen hatten – vor allem die umfassenden quantitativen Lockerungsmaßnahmen – von Zentralbanken überall auf der Welt rasch wiederbelebt, als die Volkswirtschaften im Zuge der pandemiebedingten Lockdown-Maßnahmen ins Wanken gerieten.
Bei dieser zweiten Krise wurden wertvolle Lehren aus der ersten berücksichtigt. Insbesondere wurden die fiskalpolitischen Reaktionen auf die Covid-19-Pandemie schnell und in beispiellosem Umfang umgesetzt. Regierungen brachten umfangreiche Programme zur Arbeitsplatzerhaltung auf den Weg und gewährten kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMUs) Steuererleichterungen. Kreditgarantien in Form von Initiativen wie dem Paycheck Protection Program in den USA stellten sicher, dass der Unternehmenssektor nach wie vor mit den von vielen Unternehmen dringend benötigten Krediten versorgt wurde.

Kredite für die Gesamtwirtschaft

Die fiskalpolitischen Unterstützungsmaßnahmen hatten den erfreulichen Nebeneffekt, dass die Bilanzen der Banken gestützt wurden. Die Europäische Zentralbank schätzt in ihrem Finanzstabilitätsbericht („Financial Stability Review“), dass die Eigenkapitalquoten der Banken in den großen europäischen Volkswirtschaften durch diese fiskalpolitischen Maßnahmen bis Ende dieses Jahres um rund 300 Basispunkte gestärkt werden¹, was zu einer deutlichen Verbesserung ihrer Kapitalpuffer beigetragen hat und ihnen die nötige Zuversicht gibt, um weiterhin Kredite zu gewähren.
Tatsächlich hatten Unternehmen – ganz anders als während der GFK – auch während der Pandemie guten Zugang zu Liquidität, denn die Banken haben die Gesamtwirtschaft weiterhin mit Krediten versorgt: Im Gesamtjahr 2020 nahm die Kreditvergabe an Unternehmen um beeindruckende 6 % in Europa und 10 % in den USA zu.² Darüber hinaus wurden in Ländern wie Italien und Spanien, in denen das Risiko von Kreditausfällen am höchsten ist, viele dieser Kredite an KMUs vergeben. Dadurch sollte die Zahl der Kreditausfälle zurückgehen, was wiederum die Finanzstabilität vieler europäischer Banken zusätzlich stärken dürfte.
Wir sollten auch nicht vergessen, dass das Emissionsniveau am globalen Anleihenmarkt 2020 ein Rekordniveau erreichte³, die Kapitalmärkte spielten somit eine gleichermaßen wichtige Rolle bei der Versorgung des Unternehmenssektors mit Fremdkapital. Diese verstärkte Kreditvergabe hat nicht nur Unternehmen in einer sehr schwierigen Zeit mit überlebenswichtiger Liquidität versorgt, sondern hat zudem Banken mit einer Investment-Banking-Sparte auch einen erheblichen antizyklischen Ertragsstrom beschert.
Allerdings darf man auch die Risiken nicht übersehen. Die bessere Verfügbarkeit von Krediten und die rückläufigen Unternehmensgewinne führten dazu, dass sowohl in den USA als auch in Europa die Unternehmensschulden im Jahr 2020 gemessen am BIP sprunghaft stiegen.4 Wir gehen jedoch davon aus, dass dieses Verhältnis im Zuge einer Erholung des Wirtschaftswachstums im Jahr 2021 wieder sinken wird.
Eine Finanzkrise wurde verhindert, indem Regierungen praktisch dafür gesorgt haben, dass die Verluste nicht in den Bilanzen der Banken, sondern in den Staatsbilanzen angefallen sind. Die Folge sind deutliche höhere Staatsschulden. Da Banken zu den größten Käufern von Staatsanleihen gehören, schwächt ein Renditeanstieg bei Staatsanleihen die Bankbilanzen. Die Risiken aus dem Staaten-Banken-Nexus sind etwas zurückgegangen, denn die Zentralbanken tragen mit ihren umfassenden Anleihekäufen dazu bei, die Kreditkosten niedrig zu halten. Da jedoch in Italien und Spanien die Staatsverschuldung in Relation zum BIP in diesem Jahr die Marke von 160 % bzw. 120 % übersteigen könnte5, sind Warnsignale für den Finanzsektor zu erkennen.

Risikokosten werden sich normalisieren

Bisher mussten nur wenige große Unternehmen Insolvenz anmelden, doch überall auf der Welt haben Banken im Jahresverlauf 2020 vorsorglich Rückstellungen gebildet, um sich gegen mögliche Zahlungsausfälle abzusichern. Diese „Risikokosten“ gehen nun stark zurück. Wenn man bedenkt, welchen Schaden die Lockdown-Maßnahmen in den einzelnen Volkswirtschaften angerichtet haben, ist dies bemerkenswert. Außerdem gehen wir davon aus, dass sich diese wichtigen Risikokostendaten nach der Covid-19-Pandemie weit schneller normalisieren werden als nach der GFK.
Betrachtet man die Gesamtzahlen für mehr als 50 der von uns analysierten weltweiten Großbanken, dann sieht man, dass die Risikokosten während der GFK ihren Höchststand bei etwa 150 Basispunkten erreicht hatten. Anschließend dauerte es noch fünf Jahre, bis sie wieder auf ihr normales Niveau von etwa 45 Basispunkten gesunken waren. Diesmal sind die Risikokosten während der Pandemie bis auf ein Hoch von etwa 90 Basispunkten gestiegen und dürften unseres Erachtens in nur zwei Jahren wieder auf rund 45 Basispunkte nachgeben.6 Kurz gesagt: Dank der breit angelegten Anreize der Zentralbanken und der beispiellosen fiskalpolitischen Unterstützungsmaßnahmen sind die Sorgen hinsichtlich der Solvenz der Banken, die viele Anleger Mitte 2020 hatten, inzwischen weitgehend beschwichtigt. Wir prognostizieren nun vielmehr, dass die Eigenkapitalquoten der Banken 2021 und 2022 solide bleiben werden.

Die weltweiten Aussichten

Da die Risikokosten sinken und die Bilanzen der Zentralbanken wachsen, verfügt der globale Bankensektor über erhebliche Mengen an Überschusskapital und Liquidität. Dies ist großartig für Anleihegläubiger, und die Kreditaufschläge für Unternehmenskredite liegen wieder auf dem Vorkrisenniveau. Die Hoffnungen auf eine Reflation und darauf, dass ein Teil dieses Kapitals in den kommenden Quartalen in Form von höheren Dividenden an die Aktionäre zurückgeführt werden könnte, haben ebenfalls zur Erholung der Aktienkurse beigetragen.

Allerdings leiden die Margen nach wie vor unter Zinssenkungen und dem Zufluss von Einlagen. Investitionen in Technologie zur Effizienzsteigerung können dies etwas abmildern. Darüber hinaus hat unter den Banken in Spanien und Italien bereits eine beträchtliche Konsolidierungswelle eingesetzt, da die dortigen Institute ihre Kosten senken wollen. Dieser Trend dürfte sowohl in Europa als auch bei den kleineren und mittelgroßen US-Banken anhalten. Insgesamt ist der Rentabilitätsdruck in Europa stärker. Wir gehen weiterhin davon aus, dass hier die Gesamtrenditen deutlich unter den Eigenkapitalkosten liegen werden. In den USA sind die Rentabilitätsaussichten hingegen erheblich besser. Dies zeigt sich auch an unseren globalen fundamentalen Investment-Grade-Rankings, bei denen die US-Banken zu denen mit den weltweit besten Ratings gehören.

5 Mai 2021
Dori Aleksandrowicz
Senior Credit Analyst
Rosalie Pinkney
Senior Credit Analyst
Paul Smillie
Senior Credit Analyst
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1 Europäische Zentralbank, https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/fsr/ecb.fsr202011~b7be9ae1f1.en.pdf, November 2020
2 Statistical Data Warehouse der EZB, Federal Reserve Financial Accounts z.1, März 2021
3 The Financial Times, „Corporate debt sales to shrivel in 2021 after record boom“, Dezember 2020
4 BIS/Bloomberg, Januar 2021
5 Citi Global Economic Outlook & Strategy, Januar 2021
6 Analyse von Columbia Threadneedle, April 2021

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